Das erste Schloss erlischt
Niemand in Palebranch erinnerte sich daran, wann Vesper Vine zum ersten Mal erschienen war.
Die ältesten Rindenchroniken beschrieben sie als bereits uralt, als sich die ersten elfenbeinfarbenen Pilze unter der Mondsichel entfalteten. Die Mottenarchivare bestanden darauf, sie sei aus einer einzigen schwarzen Wurzel gewachsen, die der Mond selbst gepflanzt hatte. Die Käfergeistlichen behaupteten, sie sei das Rückgrat eines vergessenen Gottes. Eine betagte Nacktschnecke, die wegen des Ableckens historischer Dokumente aus dem Archiv verbannt worden war, erklärte, sie sei schon immer da gewesen und alle sollten aufhören, Fragen zu stellen, die dem Wald unangenehm seien.
Welchen Ursprung sie auch hatte: Vesper Vine beherrschte die östliche Senke ohne Blätter, Blüten oder Erlaubnis.
Ihre schwarzen Glieder erhoben sich in einer einzigen durchgehenden Windung aus der kreideweißen Erde, glatt wie nasser Obsidian und hart genug, um einen Spechtschnabel stumpf werden zu lassen. Von ihrem Stamm zweigten filigrane, skelettartige Fächer ab, die sich durch die hellen Pilzkonsolen streckten, welche die Felswand dahinter erklommen. Diese Pilze wuchsen in überlappenden Etagen, ihre cremefarbenen Lamellen weit genug geöffnet, um Regenwasser, Motteneier, geflüsterte Versprechen und gelegentlich eine betrunkene Feldmaus aufzunehmen, die sie für einen Balkon gehalten hatte.
Über ihnen allen wölbte sich die große elfenbeinfarbene Sichel.
Sie war nicht der Mond, obwohl sie von der anderen Seite der Senke aus jeden mit schwachen Augen oder einer ausgeprägten Neigung zum Aberglauben leicht hätte täuschen können. Sie war eine gewaltige Formation verwachsener Pilze, weiß wie alter Knochen und zu einem vollkommenen Himmelsbogen geformt. Jeder Hut war nach innen gerichtet. Jede Lamelle wies auf den dunklen Raum in ihrer Mitte. In klaren Nächten sammelte sich blasses Licht darin, bis das gesamte Gebilde von irgendwo unter seinem Fleisch zu leuchten schien.
Unter diesem falschen Mond wuchsen die kobaltblauen Mondhüte an der Ranke.
Es waren kleine, glänzende Wesen aus Stiel und Hut, deren blaue Oberflächen so tief und lebhaft schimmerten, als sei die Farbe dem letzten Augenblick vor Mitternacht entliehen. Die meisten Waldpilze verständigten sich durch langsames chemisches Raunen unter der Erde. Mondhüte hingegen konnten laut sprechen, sobald Mondlicht ihre Lamellen berührte, was sie ungewöhnlich gesprächig, beunruhigend rechthaberisch und bei Vollmond zu nahezu unerträglichen Nachbarn machte.
Siebenundzwanzig von ihnen wuchsen an Vesper Vine.
Jeder bewachte eines der siebenundzwanzig lebenden Schlösser der Ranke.
Oder vielmehr: Es waren siebenundzwanzig gewesen, bis Schloss Neun erlosch.
Morrow bemerkte es kurz nach Mondaufgang.
Er war der größte Mondhut in der Senke und saß nahe am Fuß der Ranke, wo Vesper Vine aus einem Hügel elfenbeinfarbener Korallenpilze emporwuchs. Sein Hut war breit genug, um drei Käfer und eine bescheidene Mittagsmahlzeit zu beherbergen. Darunter krümmten sich Hunderte blaue Lamellen mit architektonischer Präzision nach innen. Die jüngeren Mondhüte glaubten, das mache ihn weise.
In Wahrheit machte es ihn vor allem zu einem Hindernis, um das man schwer herumkam.
„Etwas stimmt nicht“, sagte Morrow.
Hoch über ihm stieß ein wesentlich kleinerer Mondhut namens Pip einen erschöpften kleinen Seufzer aus.
„Das sagst du jede Nacht.“
„Und eines Nachts“, erwiderte Morrow, „werde ich recht haben.“
„Du hast behauptet, die Motten würden einen Umsturz planen.“
„Sie sind in Formation geflogen.“
„Sie haben sich gepaart.“
„Das eine schließt das andere nicht aus.“
Pip beugte sich von der Ranke weg und spähte nach unten. Er wuchs auf halber Höhe des schwarzen Stamms, eingeklemmt zwischen zwei breiten elfenbeinfarbenen Konsolen. Sein Hut war kaum breiter als eine Eichel, aber seine Stimme konnte die gesamte Senke durchdringen, wenn er verärgert war, was oft vorkam.
„Was stimmt diesmal angeblich nicht?“
Morrow antwortete nicht sofort. Sein Stiel war steif geworden. Ein schwaches blaues Leuchten wanderte unter seinen Lamellen entlang, pulsierte einmal und dann erneut.
Jeder Mondhut spürte es.
Das übliche Geplauder verstummte.
Entlang der Ranke neigten sich sechsundzwanzig kobaltblaue Hüte derselben leeren Stelle zu.
Schloss Neun hatte an einer schmalen Biegung über der mittleren Gabelung gesessen, wo sich die Ranke unter der elfenbeinfarbenen Sichel scharf wand. Dort war dreiundneunzig Jahre lang ein Mondhut namens Luma gewachsen. Sie war schlank, silbern gesprenkelt und dafür berüchtigt, auch dann noch Hymnen zu singen, wenn alle anderen sie bereits gebeten hatten aufzuhören.
Jetzt blieb nur ein ausgefranster blauer Stumpf.
Darunter lag kein abgebrochener Hut. Keine Stielreste hafteten an den umliegenden Konsolen. Es gab keine Zahnspuren, Krallenspuren, Sporen oder Fährten im Staub.
Luma war nicht gefressen worden.
Sie war nicht heruntergefallen.
Sie war entfernt worden.
Die schwarze Ranke bewegte sich unter ihnen.
Es war eine winzige Bewegung, kaum mehr als eine Anspannung im Holz, aber jeder Mondhut spürte, wie sie von der vergrabenen Wurzel nach oben wanderte. Die elfenbeinfarbenen Konsolen zitterten. Eine Handvoll heller Sporen löste sich aus ihren Lamellen und trieb wie Asche durch die Senke.
Dann kam ein Geräusch aus dem tiefsten Inneren der Ranke.
Wumm.
Pips Hut wurde flach.
„War das, wofür ich es halte?“
Wumm.
Morrow starrte auf den schwarzen Stamm unter sich.
„Das hängt ganz davon ab, wofür du es hältst.“
„Ein Herzschlag.“
„Dann ja.“
„Ranken haben keine Herzen.“
„Diese schon.“
„Das hast du zu erwähnen vergessen.“
„Ich hatte gehofft, es wäre gestorben.“
Ein Raunen ging durch die jüngeren Mondhüte. Mehrere zogen ihre Stiele enger an die Ranke. Einer versuchte, sich hinter einem Konsolenpilz zu verstecken, obwohl er deutlich blauer war als alles um ihn herum.
Der Herzschlag erklang ein drittes Mal.
Diesmal antwortete die elfenbeinfarbene Sichel.
Licht strömte in einer blassen Welle durch ihre gewaltigen Lamellen. Die Sichel hellte sich von ihrer unteren Spitze bis zum gekrümmten oberen Ende auf und warf scharfe Schatten über die Senke. Einen schrecklichen Augenblick lang schien jeder kahle Ast von Vesper Vine nach dem echten Mond zu greifen, der über dem Wald hing.
Morrow wusste, was das Licht bedeutete.
Ein Schloss war offen.
Eine Kammer im Inneren der Ranke hatte begonnen, sich zu nähren.
„Weckt Sable“, befahl er.
Pip blinzelte. „Sable ist wach.“
Unter einem gerüschten Büschel Austernpilze ertönte eine gedämpfte Stimme.
„Sable hatte gerade eine private Krise.“
Ein kobaltblauer Hut schob sich durch die hellen Falten. Sable wuchs kopfüber unter der Konsole, ihr gebogener Stiel war an deren Unterseite verankert. Sie war klein, scharfzüngig und dafür zuständig, das Netz silberner Myzelfäden zu pflegen, das alle siebenundzwanzig Schlösser miteinander verband.
Jetzt sechsundzwanzig Schlösser, dachte Pip, behielt es aber klugerweise für sich.
Sable senkte sich herab, bis ihr Hut auf Höhe von Lumas abgetrenntem Stumpf hing. Feine blaue Ranken wuchsen aus ihrem Stiel und pressten sich gegen die freigelegte Fläche. Sie schloss die winzigen Schlitze unter ihrem Hut, die ihr als Augen dienten.
Die Ranke erbebte.
Sable zuckte so heftig zurück, dass eine Wolke kobaltblauer Sporen um sie herum aufstob.
„Und?“, fragte Morrow.
„Schloss Neun ist weg.“
„Den fehlenden Pilz haben wir bemerkt“, sagte Pip. „Die leere Stelle war unser erster Hinweis.“
„Nicht beschädigt. Nicht zerbrochen. Weg.“ Sable starrte auf den Stumpf. „Die Bindefäden wurden von innen durchtrennt.“
Schweigen breitete sich in der Kolonie aus.
Etwas im Inneren von Vesper Vine hatte sein eigenes Schloss entfernt.
Hoch über ihnen trat der echte Mond hinter einer Bank dünner Wolken hervor. Sein kaltes Licht berührte die elfenbeinfarbene Sichel und ergoss sich über die schwarzen Äste.
Die Ranke trank es.
Unter der polierten Rinde erschien ein schmaler silberner Strom. Er floss zum verwaisten Schloss, verschwand im ausgefransten Stumpf und sank in den Stamm.
Wumm.
Der Herzschlag wurde kräftiger.
Am Fuß der Ranke fiel ein elfenbeinfarbener Pilz in sich zusammen. Sein weiches weißes Fleisch schrumpfte, ergraute und platzte am Hut auf. Ein Faden gespeicherten Mondlichts sickerte aus seinen Lamellen und sank direkt in das schwarze Holz.
Morrow sah zu, wie er verschwand.
„Die erste Kammer nährt sich“, sagte er.
Pip blickte vom toten Pilz zur falschen Sichel über ihnen.
„Wovon?“
Morrow antwortete leise.
„Von den Mondstrahlen, die in den elfenbeinfarbenen Hüten gespeichert sind.“
Wieder brach Raunen entlang der Ranke aus. Den jüngsten Mondhüten hatte niemand gesagt, was die weißen Pilze enthielten. Die meisten glaubten, sie sammelten gewöhnliches Mondlicht, weil es hübsch, harmlos und nützlich war, um Trauermücken fernzuhalten.
Sable starrte Morrow an.
„Wie viele Strahlen?“
„Einen in jedem Lamellenhut.“
Sie blickte hinauf.
Hunderte elfenbeinfarbene Pilze drängten sich an der Ranke und an der hoch aufragenden Sichel dahinter.
„Das ist keine Sammlung“, flüsterte sie. „Das ist ein Reservoir.“
„Es ist eine Ration“, korrigierte Morrow.
„Wofür?“, fragte Pip.
Die Äste der Ranke knarrten um sie herum.
Morrow hatte das unterste Schloss zweihundertelf Jahre lang bewacht. Einen Großteil dieser Zeit hatte er so getan, als könne er sich nicht erinnern, warum die Schlösser existierten. Vergesslichkeit, hatte er festgestellt, konnte fast überzeugend werden, wenn man sie mit Disziplin übte.
Doch jetzt war Vesper Vine wach.
Und ihr Hunger kletterte nach oben.
„Vor langer Zeit“, sagte er, „diente die Ranke dem Mond. Sie trug sein Licht unter die Erde und nährte damit die Wurzeln des schlafenden Waldes. Nichts blühte hier, ohne ihr Herz zu durchqueren.“
„Das klingt beinahe edel“, sagte Pip misstrauisch.
„Das war es. Bis der Mond sie sieben Winter lang hungern ließ.“
Die Stimme des alten Mondhuts wurde leiser, als die Erinnerung zurückkehrte.
„Der Himmel füllte sich mit Rauch. Der Mond konnte die Senke nicht erreichen, und das Herz der Ranke begann, alles Licht zu verzehren, das noch in ihr verblieben war. Zuerst nahm es die Glühwürmchen. Dann das Laternenmoos. Dann die in den Bäumen gespeicherten Erinnerungen an Tageslicht.“
Ein schwaches Zittern ging durch die toten Äste.
„Als der Rauch sich verzog“, fuhr Morrow fort, „kehrte der Mond zurück. Doch Vesper Vine wollte sein Licht nicht länger weitertragen. Sie wollte es besitzen. Alles davon. Sie griff in den Himmel und hätte ihn beinahe heruntergezogen.“
Pip blickte auf die skelettartigen Glieder, die sich um die elfenbeinfarbene Sichel streckten.
Sie wirkten nicht länger dekorativ.
Sie wirkten wie Finger.
„Die ersten Mondhüte banden das Herz der Ranke“, sagte Morrow. „Siebenundzwanzig lebende Schlösser, von denen jedes eine Kammer ihres Hungers versiegelte. Die elfenbeinfarbenen Pilze wurden gezüchtet, um kleine Mengen Mondlicht zu sammeln und durch die Schlösser zu leiten. Genug, um das Herz schlafen zu lassen. Niemals genug, um es stark werden zu lassen.“
Sable berührte erneut Lumas abgetrennten Stumpf.
„Und jetzt verzehrt eine Kammer den Vorrat direkt.“
„Ja.“
„Was passiert, wenn sie genug gefressen hat?“
Das schwarze Holz unter ihnen pulsierte.
Wumm.
Ein zweiter elfenbeinfarbener Pilz verwelkte.
Morrow blickte zum echten Mond.
„Sie öffnet das nächste Schloss.“
Als hätten seine Worte ihn heraufbeschworen, ertönte aus den oberen Ästen ein Schrei.
Die Mondhüte drehten sich zu dem Geräusch.
Schloss Sechzehn flackerte nahe der Mitte der Sichel. Seine Wächterin, ein dünnstieliger Mondhut namens Orra, bäumte sich gegen die Ranke auf, während schwarze Fasern sich um ihren Ansatz zusammenzogen.
„Sie hat mich!“, schrie sie.
Sable schleuderte ein Geflecht blauen Myzels zu ihr hinauf. Der Faden wickelte sich um Orras Stiel, genau als die Rinde unter dem kämpfenden Mondhut aufriss.
Eine dunkle Öffnung entstand.
Darin waren keine Zähne.
Da war nur Tiefe.
Endlose, mondlose Tiefe.
Etwas zog.
Sables Faden spannte sich straff. Pip und drei andere schlangen sich darum und verankerten ihre Stiele an den elfenbeinfarbenen Konsolen. Morrow trieb seine unterirdischen Wurzeln tiefer und schickte einen Schwall blauen Lichts durch die Kolonie.
Mehrere Sekunden lang hing Orra zwischen ihnen und der Öffnung.
Dann drang ein Flüstern aus dem Inneren der Ranke.
Es sprach mit Lumas Stimme.
„Lass los.“
Orra hörte auf, sich zu wehren.
Ihr Hut wandte sich der Dunkelheit zu.
„Luma?“
„Lass los“, wiederholte die Stimme. „Unter der Rinde ist es warm.“
Schwarze Fasern kletterten an Orras Stiel empor.
Sable zog stärker. „Das ist nicht Luma.“
„Sie sagt, sie hat das Herz gefunden.“
„Orra, hör mir zu.“
„Sie sagt, es erinnert sich an uns.“
Die Öffnung wurde größer.
Einen Augenblick lang enthüllte blasses Licht etwas tief im Inneren der Ranke: einen abwärtsführenden Gang aus verdrehtem Holz, gesäumt von verschrumpelten Pilzhüten und silbernen Strängen, die wie Adern pulsierten. Weit unten zog sich eine riesige Form um ein kaltes weißes Leuchten zusammen.
Die gestohlenen Mondstrahlen sammelten sich in ihrer Mitte.
Orras Stiel glitt ein weiteres Stück in die Dunkelheit.
Morrow stieß unter seinem Hut eine Wolke Sporen aus. Sie trafen die schwarzen Fasern und flammten kobaltblau auf. Die Ranke zuckte zurück. Sable riss Orra frei, sodass alle fünf Mondhüte in einem Gewirr aus Stielen und wütenden Flüchen über die Konsole purzelten.
Die Öffnung schnappte zu.
Orra lag zitternd an den elfenbeinfarbenen Lamellen.
Um ihren Stielansatz blieb ein schmaler schwarzer Fleck zurück.
„Sie kannte meinen Namen“, flüsterte sie.
Morrow betrachtete das Mal und begriff, was Vesper Vine getan hatte.
Schloss Neun war nicht das einzige Siegel gewesen, das sie berührt hatte.
Sie hatte die anderen geprüft.
Und jetzt wusste sie, welches das schwächste war.
„Wir können die Schlösser nicht von hier draußen verteidigen“, sagte Sable. „Die Ranke erreicht ihre Wurzeln, bevor wir überhaupt spüren, dass sie sich bewegt.“
Pip starrte auf die Stelle, an der sich der Stamm geöffnet hatte.
„Du wirst gleich etwas Entsetzliches vorschlagen, nicht wahr?“
„Wir gehen hinein.“
„Da haben wir es.“
„Wir finden Luma, reparieren Schloss Neun und versiegeln die erste Kammer, bevor sie genug Kraft sammelt, um eine weitere zu öffnen.“
„Der Gang war mit toten Pilzen ausgekleidet.“
„Dann bleib hier und warte, bis die Ranke dich ihrer Inneneinrichtung hinzufügt.“
Pip dachte darüber nach.
„Drinnen hat plötzlich einen gewissen Reiz.“
Morrow betrachtete die Kolonie. Angst hatte ihr kobaltblaues Leuchten gedämpft und die umliegenden elfenbeinfarbenen Hüte blass und farblos zurückgelassen. Sie waren gewachsen, um als Schlösser zu dienen, doch außer Morrow hatte niemand je erfahren, was unter ihnen lag. Ihr Leben war darauf aufgebaut, eine Gefahr zu bewachen, die sie nach Möglichkeit vergessen sollten.
Diese Unwissenheit hatte sie geschützt, solange die Ranke schlief.
Jetzt würde sie sie töten.
„Sable hat recht“, sagte er. „Wir können das Schloss nicht von der Oberfläche aus reparieren.“
„Wie kommen wir hinein?“, fragte Orra.
Morrow wandte seinen breiten Hut dem Fuß von Vesper Vine zu.
Unter dem größten blauen Pilz, zwischen elfenbeinfarbenen Korallenwucherungen verborgen, war eine schmale Naht im Stamm erschienen. Mondlicht sickerte von der falschen Seite hindurch.
Er hatte diese Tür seit mehr als zwei Jahrhunderten nicht gesehen.
„Durch das Wurzeltor.“
Die Erde bebte.
Ein tiefer Riss spaltete die unterste elfenbeinfarbene Konsole. Ihr gespeichertes Licht ergoss sich in einem strahlenden Silberstrom in die Ranke. Über ihnen flammte die falsche Sichel auf und beleuchtete die gesamte Senke wie ein zweiter Mond.
An ihrer obersten Spitze bewegte sich einer der schwarzen Äste von Vesper Vine.
Langsam und zielgerichtet bog er sich zum Himmel.
Der echte Mond hing direkt über ihm.
Wumm.
Diesmal hörte jeder Baum in Palebranch den Herzschlag.
Morrow zog seine Wurzeln aus der Erde.
„Wir gehen jetzt.“
Die Naht am Fuß der Ranke öffnete sich weiter und gab eine Treppe frei, die sich spiralförmig durch das schwarze Holz nach unten wand. Ihre Stufen bestanden aus uralten Pilzhüten, trocken, grau und jeweils zu einem stummen Ausdruck des Schmerzes gebogen.
Ein warmer Wind stieg von unten auf.
Er roch nach feuchten Wurzeln, verbranntem Mondlicht und etwas, das schon sehr lange hungrig war.
Dann begann Luma unter der Rinde zu singen.
Die Treppe unter der Rinde
Morrow ging zuerst hinein.
Sein breiter Hut schabte an beiden Seiten des Wurzeltors entlang und erzeugte ein langes, unangenehmes Quietschen, das die Treppe hinab hallte.
Hinter ihm blieb Pip auf der Schwelle stehen.
„Großartig“, murmelte er. „Wir haben uns bei dem uralten hungrigen Ding angekündigt.“
„Es weiß längst, dass wir hier sind“, sagte Sable.
„Das heißt nicht, dass wir mit dem Geräusch von Möbeln eintreffen sollten, die durch eine Gruft geschleift werden.“
Morrow drehte sich seitwärts und zwängte sich hindurch. Die schwarzen Wände bogen sich um seinen Hut und schnellten an ihren Platz zurück, sobald er vorbeigekommen war. Sable folgte mit Rollen silbernen Myzels um ihren Stiel. Pip kam als Nächster, leise, aber ununterbrochen klagend, was nach Morrows Vermutung das Einzige war, das ihn mutig hielt.
Orra blieb mit den anderen Mondhüten draußen.
Der Fleck um ihren Stiel hatte sich bis in ihre untersten Lamellen ausgebreitet. Sie würde das Wurzeltor bewachen, während die Kolonie ihr geschwächtes Schloss verstärkte, sofern Vesper Vine ihnen genügend Zeit für den Versuch ließ.
„Falls sich das Tor schließt“, sagte Sable zu ihr, „schneide die Naht mit blauen Sporen auf. Hör auf keine Stimme von drinnen, selbst wenn sie wie eine von uns klingt.“
„Woher weiß ich, dass ihr es nicht seid?“
Pip spähte hinter Morrows Hut hervor.
„Frag, ob ich mich freiwillig dafür gemeldet habe. Lautet die Antwort ja, brenn die Ranke bis auf den Boden nieder.“
Orra brachte ein schwaches Lächeln zustande.
Dann stiegen die drei Mondhüte hinab.
Hinter ihnen versiegelte sich das Wurzeltor.
Das Mondlicht verschwand.
Einige Atemzüge lang gab es nur Dunkelheit und das leise Knarren lebenden Holzes. Dann öffnete Morrow seine Lamellen. Kobaltblaues Licht strömte unter seinem Hut hervor und erhellte die Treppe in schmalen blauen Bändern. Sable und Pip taten es ihm gleich.
Die Wände glänzten.
Vesper Vine war innen größer, als ihr Stamm je hätte fassen können. Die Treppe wand sich durch eine Kammer hinab, die weit genug war, um die gesamte Senke aufzunehmen. Schwarze Wurzeln verflochten sich über die Wände; jede schwoll mit dem langsamen Puls der Ranke an und entspannte sich wieder. Dazwischen liefen silberne Ströme, die gestohlenes Mondlicht tiefer unter die Erde trugen.
Die Stufen unter den Mondhüten waren genau das, wonach sie von oben ausgesehen hatten.
Tote Hüte.
Tausende.
Mondhüte jedes Alters und jeder Größe waren in die Wendeltreppe gepresst worden; ihre kobaltblaue Farbe war ausgelaugt, bis nur graue Hüllen zurückblieben. Manche waren vollkommen erhalten. Andere waren unter jahrhundertelangen Schritten von Wesen zerbrochen, an die sich kein lebender Mondhut erinnerte.
Pip starrte auf den Hut unter seinem Stiel.
„Morrow.“
„Weitergehen.“
„Wer waren sie?“
„Weitergehen.“
„Du weißt, wer sie waren.“
Morrow stieg noch eine Stufe hinab, bevor er antwortete.
„Die ersten Schlösser.“
Sables Leuchten wurde schärfer.
„Du hast uns gesagt, die ersten Mondhüte hätten das Herz gebunden.“
„Das haben sie.“
„Du hast nicht erwähnt, dass die Ranke sie zu Treppen gemacht hat.“
„Es gibt viele Einzelheiten, von denen ich gehofft hatte, sie würden unwichtig bleiben.“
„Sie liegen unter unseren Füßen, Morrow. Ihre Wichtigkeit steht damit wohl fest.“
Der alte Mondhut blieb stehen.
Weit unter ihnen wand sich Lumas Lied durch die Kammer. Es war eine vertraute Hymne über die Rückkehr der Morgendämmerung in die Senke, doch die Melodie war zu etwas Langsamem, Hohlem gedehnt worden. Jeder Ton schien durch die Wände emporzuwandern statt durch die Luft.
„Die erste Bindung scheiterte“, sagte Morrow. „Die Mondhüte versiegelten die Kammern, doch Vesper Vine lernte, sich durch ihre Wurzeln zu nähren. Sie verzehrte sie einen nach dem anderen und benutzte ihre Überreste, um einen Weg zu ihrem Herzen zu bauen.“
Pip hob sich von dem toten Hut unter sich ab.
„Und dann?“
„Die zweite Kolonie änderte die Schlösser. Wir verankerten uns außerhalb der Rinde, wo die Ranke unsere Hüte nicht erreichen konnte, ohne sich bloßzulegen.“
Sable betrachtete ihn.
„Du hast ‚wir‘ gesagt.“
Morrow ging weiter hinab.
„Ich war der letzte Mondhut, den die erste Kolonie hervorgebracht hat.“
Mehrere Stufen lang sagte keiner von ihnen etwas.
Schließlich brach Pip das Schweigen.
„Du bist über zweihundert Jahre alt.“
„Zweihundertelf.“
„Du hast uns glauben lassen, du wärst hundertvierzig.“
„Ich benutze Feuchtigkeitspflege.“
„Du lügst.“
„Auch das hält jung.“
Die Treppe wurde beim Hinabsteigen enger. Ihr äußerer Rand fiel in einen Schacht ab, dessen Boden nicht zu erkennen war. Fäden blassen Lichts schwebten wie ertrunkene Sterne durch die Dunkelheit. Bei jedem Herzschlag zogen sich die schwarzen Wurzeln zusammen und zerrten diese Lichter nach unten.
Wumm.
Die Stufe unter Pips Stiel zuckte.
Er sprang vor und prallte gegen Sable.
„Die Treppe bewegt sich.“
„Sie sind tot“, sagte Sable.
Der graue Hut hinter ihnen bog sich.
Ein schmaler Spalt öffnete sich auf seiner Oberfläche.
Darunter erschien blaues Licht.
Dann bewegte sich eine weitere Stufe. Und noch eine.
Entlang der gesamten Spirale hoben sich uralte Hüte aus dem Holz. Trockene Lamellen öffneten sich wie Reihen winziger Münder. Die Treppe atmete ein.
Das Leuchten unter Morrows Hut wurde schwächer.
„Rennt.“
Die toten Mondhüte atmeten aus.
Eine Wolke grauer Sporen brach durch den Schacht.
Morrow stürzte hinab und schirmte Sable und Pip mit seinem schweren Hut ab. Sporen trafen seinen Rücken mit der Wucht von Graupel. Wo sie seine blaue Oberfläche berührten, verblasste die Farbe.
Pip raste unter ihm hindurch und sprang von Stufe zu Stufe.
„Was machen die Sporen?“
„Sie stehlen Erinnerungen!“, rief Morrow.
„Wie viele?“
„Das hängt davon ab, wie lange du weiterfragst, statt zu rennen.“
Die Treppe wand sich in Krämpfen.
Hinter ihnen klappten tote Hüte hoch und verwandelten den Weg in einen sich schließenden Tunnel aus spröden Lamellen. Sable warf eine Myzelschnur um eine Wurzel vor ihnen und schwang sich über einen Abschnitt, während er zusammenbrach. Pip sprang ihr nach, verfehlte die Schnur und erwischte ihr Ende mit dem Rand seines Huts.
„Ich hasse diese Ranke!“, rief er, als Sable ihn über die Lücke zog.
„Sie hat dich gern.“
„Das ist noch schlimmer!“
Morrow erreichte den einstürzenden Abschnitt zuletzt. Sein breiter Hut verkeilte sich zwischen den sich schließenden Lamellen. Graue Sporen schwärmten um ihn herum und zogen Farbfetzen aus seinem Rand.
Er drückte sich vorwärts.
Die toten Hüte zogen sich enger zusammen.
Eine Erinnerung verschwand.
Er spürte, wie sie ihn als plötzliche Kälte verließ: der Duft des ersten Regens, den er je erlebt hatte. Einen Augenblick lang war er noch da, feucht und mineralisch unter dem Mond. Im nächsten erinnerte er sich nur noch daran, dass Regen einen Geruch besaß und dass er ihn einmal geliebt hatte.
Morrow brüllte und presste seinen Hut durch die enger werdende Lücke.
Die toten Lamellen schnappten hinter ihm zu.
Er landete neben Sable und Pip auf einem Vorsprung schwarzer Rinde. Dahinter stand eine Tür aus Hunderten ineinandergeflochtener Silberwurzeln.
In ihrer Mitte lag eine leere Vertiefung in Form eines Mondhuts.
Schloss Neun.
Von der anderen Seite kam Lumas Gesang.
Sable eilte zur Tür und drückte ihre Ranken gegen das silberne Geflecht. Licht wanderte durch die Fäden und zeichnete die Schäden nach.
„Die Bindung wurde nach innen gezogen“, sagte sie. „Luma lebt.“
„Kannst du es öffnen?“, fragte Morrow.
„Ja.“
„Kannst du es danach wieder schließen?“
Sable zögerte.
„Auch ja.“
Pip neigte seinen Hut. „In dieser Pause steckte eine bemerkenswerte Menge Tod.“
„Das Schloss braucht einen lebenden Mondhut.“
„Wir holen Luma zurück.“
„Wenn sie sich noch daran binden kann.“
„Und wenn nicht?“
Sable blickte auf die leere Vertiefung.
Sie war kaum größer als Pip.
Er folgte ihrem Blick.
„Auf gar keinen Fall.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Dein Schweigen hat mich freiwillig gemeldet.“
Morrow trat zwischen sie.
„Niemand übernimmt das Schloss, solange es eine andere Möglichkeit gibt.“
„Es gibt immer eine andere Möglichkeit“, sagte Pip.
„Das sagen Wesen, bevor sie feststellen, dass die letzten beiden Möglichkeiten entsetzlich sind.“
Lumas Gesang verstummte.
Von der anderen Seite der Tür ertönten drei langsame Klopfzeichen.
Pip senkte die Stimme.
„Weiß sie, dass wir hier sind?“
„Jetzt schon“, sagte Sable.
Eine Silberwurzel löste sich aus dem Geflecht.
Dann noch eine.
Die Tür öffnete sich von selbst.
„Zurück“, befahl Morrow.
Die Mondhüte wichen zurück, während sich die Wurzeln entwirrten. Ein blasser Glanz strömte durch den breiter werdenden Spalt. Die Kammer dahinter war von so hellem Mondlicht erfüllt, dass ihre kobaltblauen Hüte davor beinahe schwarz erschienen.
In der Mitte stand Luma.
Sie schien unverletzt.
Ihr schlanker blauer Stiel erhob sich aus einem Becken silbernen Lichts. Ihr Hut trug dasselbe Fleckenmuster, an das Morrow sich erinnerte, und jede Lamelle war unversehrt.
„Ihr seid gekommen“, sagte sie.
Pip ging auf sie zu.
Sable fing ihn mit einer Myzelschlinge auf.
„Warte.“
Luma lächelte.
Mondhüte hatten keine Münder.
Trotzdem öffnete sich ein blasser Bogen auf ihrem Stiel.
„Es gibt nichts zu fürchten“, sagte sie.
Morrow betrat die Kammer allein.
Silbernes Licht kroch an seinem Stiel empor, warm und dick wie Pflanzensaft. Die Wände waren mit Hunderten elfenbeinfarbenen Hüten besetzt, die schwarze Wurzeln verbanden. Ihre gespeicherten Mondstrahlen flossen in das Becken um Luma.
Hinter ihr stand die erste Kammer von Vesper Vines Herz.
Sie ähnelte einer geschlossenen schwarzen Blüte, höher als der älteste Baum in Palebranch. Ihre überlappenden Blütenblätter zogen sich mit jedem Herzschlag zusammen. Dazwischen leuchteten schmale Nähte gefangenen Lichts.
Wumm.
Die Blüte öffnete sich ein wenig.
Eine Welle des Hungers wanderte durch die Kammer.
Morrow spürte, wie sie das Licht unter seinen Lamellen kostete.
„Komm aus dem Becken, Luma.“
„Ich kann nicht.“
„Dann ziehen wir dich heraus.“
„Du verstehst mich falsch.“
Unter der silbernen Oberfläche stiegen schwarze Fäden auf. Sie durchzogen Lumas Stiel und verzweigten sich in ihr bis hinauf zu ihrem Hut.
„Ich möchte nicht gehen.“
Sable trat neben Morrow.
„Sie spricht durch dich.“
„Sie hat mir die Wahrheit gezeigt.“
„Sie hat dich mit Wurzeln gefüllt.“
„Diese Tatsachen können nebeneinander bestehen.“
Pip blieb nahe der Tür.
„Ich mochte sie lieber, als sie nur zu viel gesungen hat.“
Luma wandte sich ihm zu.
„Komm näher, Pip. Das Herz erinnert sich an den Augenblick, in dem deine erste Spore unter dem Mond erwachte.“
Er wich zurück.
„Daran erinnere ich mich selbst kaum.“
„Es erinnert sich an alles, was der Ranke zugeführt wurde. Jeden Mondstrahl. Jede Wurzel. Jeden Mondhut, den die Schlösser verzehrten.“
Die schwarze Blüte öffnete sich ein weiteres Stück.
In ihrem Licht erschienen Formen.
Tausende blasse Hüte drängten sich im Herzen zusammen, ihre Lamellen bewegten sich wie eine einzige. Die erste Kolonie war nicht vernichtet worden. Ihre Erinnerungen, Stimmen und ihr Hunger waren von Vesper Vine aufgenommen worden.
Lumas Lächeln wurde breiter.
„Sie sind noch hier.“
Morrow starrte in die Blüte.
Unter den blassen Gesichtern erkannte er Ember, den Mondhut, der ihm das Sprechen beigebracht hatte. Er sah den sanften Thren, der Schloss Vier bewacht hatte. Er sah Noll und Vestra und den kleinen Ardin, der früher Tau von seinem Hut auf schlafende Motten geschüttelt hatte.
Dann sah er einen Mondhut, dessen gefleckte Krone seine ältesten Erinnerungen heimsuchte.
Seine Mutter.
Sie öffnete die Augen im Herzen.
„Morrow“, flüsterte sie.
Sein Stiel bewegte sich, bevor er es verhindern konnte.
Er trat in das Becken.
Sables Ranken schnappten um ihn.
„Das ist nicht sie.“
„Sie kennt ihre Stimme.“
„Weil sie sie gefressen hat.“
Diese Schonungslosigkeit traf ihn härter als die Erinnerungssporen.
Morrow hielt inne.
Das Gesicht in der Blüte verzerrte sich. Sein sanfter Ausdruck brach in Wut um und glättete sich dann zu kaltem Vergnügen.
Vesper Vine sprach durch jeden toten Mondhut im Herzen.
„Du hast sie hier zurückgelassen.“
Die Kammer bebte.
Schwarze Wurzeln brachen aus dem Becken.
Sable schleuderte Morrow zurück, als sich eine um ihren Stiel wickelte. Eine andere peitschte nach Pip. Er duckte sich, doch ihre Spitze streifte seinen Hut und wirbelte ihn gegen die Tür aus Silberwurzeln.
Morrow trieb seine Wurzeln in den Kammerboden und entfesselte einen kobaltblauen Lichtstoß. Blaues Licht raste über das Becken und enthüllte für einen Moment das Netz darunter.
Jeder Strom gestohlenen Mondlichts floss durch Luma.
Sie war nicht bloß in der ersten Kammer gefangen.
Vesper Vine hatte sie zu ihrer Nahrungswurzel gemacht.
„Sable!“, rief Morrow. „Durchtrenn die Fäden!“
Sie wand sich unter der Wurzel, die sie festhielt, und schoss einen Myzelstrang über das Becken. Seine geschärfte Spitze durchschnitt den ersten schwarzen Faden in Lumas Stiel.
Die Ranke schrie.
Der Laut kam aus den Wänden, der Treppe, den toten Hüten und der gewaltigen Blüte. Luma klappte nach vorn, als silbernes Licht aus der Wunde brach.
Sable durchschnitt einen zweiten Faden.
Dann einen dritten.
Die Kammer begann einzustürzen.
Elfenbeinfarbene Pilze rissen sich von den Wänden. Gespeicherte Mondstrahlen ergossen sich in blendenden Strömen über den Boden. Schwarze Wurzeln peitschten hindurch und tranken jedes Licht, das sie berührten.
Pip kroch auf Luma zu.
„Wie viele bleiben noch?“
„Sieben“, sagte Sable.
„Kannst du sie durchschneiden, bevor uns die Decke erschlägt?“
„Frag mich, nachdem uns die Decke erschlagen hat.“
Eine Rindenplatte krachte zwischen sie.
Morrow fing sie mit seinem Hut auf. Der Aufprall trieb seinen Stiel tief in den Kammerboden, doch er hielt die Platte hoch.
„Los!“
Sable durchschnitt vier weitere Fäden, während Pip Luma erreichte. Er schlang seinen kleinen Stiel um ihren und zog.
Sie bewegte sich nicht.
Ihre Wurzeln waren mit dem Herzen verwachsen.
„Luma“, sagte Pip, „du musst mir helfen.“
Ihre Augen flackerten unter ihrem Hut.
„Hier ist es warm.“
„Ja, das hast du erwähnt. Wärme ist kein überzeugender Grund, Teil eines mörderischen Strauchs zu werden.“
„Sie erinnert sich an alles.“
„Dann soll sie sich daran erinnern, wie sie verliert.“
Lumas Lächeln verschwand.
Zum ersten Mal sah Pip Angst in ihren Augen.
Sie stemmte sich nach oben.
Ihre verwachsenen Wurzeln begannen zu reißen.
Sable durchtrennte die letzten drei Fäden auf einmal.
Die schwarze Blüte öffnete sich.
Sämtliches Mondlicht, das in der ersten Kammer gespeichert war, brach nach außen.
Morrow verlor den Halt an der herabgestürzten Platte. Sable verschwand unter einem silbernen Sturzbach. Pip spürte, wie Lumas Stiel in seinem Griff freiriss, und beide wurden durch die Kammer geschleudert.
Inmitten der Explosion trat etwas Dunkles aus dem Herzen.
Es war keine Wurzel.
Es war eine Hand.
Fünf lange hölzerne Finger schlossen sich um das entweichende Mondlicht. Die Ranke presste es zu einer einzigen leuchtenden Kugel zusammen, hell wie ein winziger Mond.
Dann zog sie die Kugel in die offene Blüte zurück.
Wumm.
Die erste Kammer brach auseinander.
Ein Riss raste durch die Decke nach oben, den Stamm entlang und bis in die Senke darüber.
Irgendwo draußen zerbrach ein weiteres Schloss.
Dann noch eines.
Morrow spürte, wie beide aus dem lebenden Netz der Kolonie verschwanden.
Vierundzwanzig Schlösser blieben.
Das Herz schlug erneut.
Diesmal begann die Treppe, sie nach unten zu tragen.
Die toten Hüte drehten sich in einer langsamen Spirale um den Schacht und verwandelten die Stufen in einen gewaltigen rotierenden Mechanismus. Silberne Türen blitzten an ihnen vorbei, während die Kammer tiefer in Vesper Vine sank.
Eine Tür für jedes Schloss.
Eine Kammer für jeden Teil ihres Hungers.
Sable zog sich unter einer gestürzten Wurzel hervor.
„Sie hat Luma benutzt, um die erste Kammer zu öffnen.“
Morrow richtete Luma auf. Ihr Hut war dunkel geworden, aber unter ihren Lamellen regte sich noch ein schwaches kobaltblaues Leuchten.
„Und die erste Kammer hat sie benutzt, um zwei weitere Schlösser aufzubrechen.“
Pip blickte durch die zertrümmerte Wand.
Die absteigende Spirale hatte sie weit unter Palebranch getragen. Unter ihnen wanden sich vierundzwanzig versiegelte Kammern um einen Abgrund. Hinter jeder Tür pulsierte silbernes Licht.
Ganz unten stand etwas Ungeheures.
Vesper Vines wahres Herz war keine Blüte.
Die schwarze Blüte war nur sein Mund gewesen.
Das Herz war eine dicht gewundene Masse aus Wurzeln, die eine weiße Kugel umschloss. Die Kugel war vernarbt, von Kratern übersät und strahlte unter dem Holz.
Pip starrte zu ihr hinab.
„Das ist kein gespeichertes Mondlicht.“
Die restliche Farbe wich aus dem Rand von Morrows Hut.
Endlich verstand er, weshalb der Mond Vesper Vine einst sieben Winter lang verlassen hatte.
Er hatte sie nicht verlassen.
Er hatte etwas aus sich herausgeschnitten und dort vergraben, wo die Ranke es bewachen konnte.
Ein Bruchstück des ursprünglichen Mondes.
Und Vesper Vine hatte sich jahrhundertelang davon ernährt.
Die Wurzeln um das vergrabene Bruchstück zogen sich zusammen.
Ein schwarzer Spalt öffnete sich auf seiner Oberfläche.
Weit über ihnen antwortete der echte Mond mit einem Beben, das den gesamten Nachthimmel erschütterte.
Das Herz, das sich an den Hunger erinnerte
Der Mond bewegte sich.
Nicht über den Himmel, wie man es von Monden erwartete, sondern nach unten.
In Palebranch verließen Eulen ihre Äste. Motten fielen aus der Luft. Teiche stiegen in zitternden silbernen Säulen über ihre Ufer, und jede helle Blume im Wald wandte sich Vesper Vine zu.
Am Wurzeltor beobachtete Orra, wie der Mond über der elfenbeinfarbenen Sichel anschwoll.
Er kam näher.
Der schwarze Fleck unter ihrem Hut pulsierte.
Vesper Vine zog sich um ihr Schloss zusammen.
„Haltet mich fest“, sagte sie zu den anderen.
Blaue Stiele wanden sich um ihren. Myzelfäden verbanden die übrigen Mondhüte über den Stamm hinweg. Einer nach dem anderen verankerten sie sich an den elfenbeinfarbenen Konsolen und zogen gegen die Ranke an.
Unter Orra platzte die schwarze Rinde auf.
Eine Stimme flüsterte durch die Öffnung.
Sie gehörte Morrow.
„Lass los.“
Orra schloss die Augen.
„Pip hat sich nicht freiwillig gemeldet.“
Die Stimme zögerte.
Dann zerrte die Ranke an ihren Wurzeln.
Die Kolonie zog dagegen.
Kobaltblaues Licht brach über Vesper Vine hervor, als vierundzwanzig lebende Schlösser gegen den Hunger unter ihrer Rinde kämpften.
Weit unter ihnen kam die sinkende Kammer ruckartig zum Stillstand.
Morrow spürte den Widerstand der Kolonie durch das durchtrennte Netz. Ihr vereintes Leuchten floss in dünnen blauen Fäden herab und erhellte den Abgrund und die gewaltigen Wurzeln um das vergrabene Mondbruchstück.
„Sie halten die Schlösser“, sagte er.
Sable betrachtete die sich drehende Treppe.
„Nicht mehr lange.“
Unten standen bereits zwei Kammern offen. Ihre schwarzen Münder leiteten gestohlenes Licht zum Herzen. Eine dritte Tür zitterte in ihrem silbernen Rahmen, während die Wurzeln dahinter von innen dagegenhämmerten.
Wumm.
Das vergrabene Mondbruchstück riss erneut.
Licht brach durch den Spalt und traf die Wände. Überall, wo es sie berührte, flammten Bilder auf: verschwundene Wälder, silberne Flüsse, geweihtragende Wesen unter unbekannten Sternen. Es waren keine Spiegelungen. Es waren im Mond bewahrte Erinnerungen.
Vesper Vine trank sie, sobald sie erschienen.
Eine Wurzel verschlang einen uralten Schneefall.
Eine andere verzehrte die Erinnerung an den ersten Flug einer Motte.
Eine dritte verdunkelte sich, als sie das Bild des Mondes aufnahm, der auf einer jungen, noch namenlosen Welt ruhte.
Pip stand neben Luma, die ihren eigenen Hut kaum noch tragen konnte.
„Warum sollte der Mond einen Teil von sich hier unten vergraben?“
Morrow starrte auf die leuchtende Kugel.
„Weil er krank war.“
Er erinnerte sich an die sieben Winter voller Rauch. Die Wälder hatten geglaubt, Wolken verdeckten den Mond, doch es hatte keine Wolken gegeben. Die Dunkelheit hatte sich in seinem Licht ausgebreitet, ein Schatten, der jedes Mal wuchs, wenn lebende Wesen voller Angst zu ihm aufsahen.
Der Mond hatte das befallene Bruchstück aus sich herausgeschnitten.
Und Vesper Vine hatte die Last übernommen, es zu bewachen.
„Die Ranke wurde nicht verlassen“, sagte Morrow. „Sie wurde vergiftet.“
Sable folgte den schwarzen Wurzeln vom vergrabenen Bruchstück in die umliegenden Kammern.
„Sie hat sich von der Verderbnis ernährt.“
„Jahrhundertelang.“
„Dann gehört der Hunger gar nicht der Ranke.“
Unter ihnen breitete sich der schwarze Spalt über das Mondbruchstück aus.
Dahinter bewegte sich etwas.
Ein blasses Auge öffnete sich im Riss.
Es hatte keine Pupille. Keine Iris. Nur weißen Glanz, umgeben von Adern vollkommener Dunkelheit.
Das Auge blickte nach oben.
Jeder Mondhut erstarrte.
Die Stimme, die in ihre Gedanken drang, gehörte nicht Vesper Vine.
Sie gehörte dem, was der Mond abgetrennt und vergraben hatte.
Öffnet den Himmel.
Die dritte Kammer platzte auf.
Ihre silberne Tür flog heraus und wirbelte in den Abgrund. Ein Sturzbach gespeicherter Mondstrahlen traf das zusammengerollte Herz. Schwarze Wurzeln schwollen an und splitterten aneinander, während das vergrabene Bruchstück fraß.
Die Treppe ruckte nach unten.
Sable fing Luma auf, bevor sie fiel.
„Wir können Schloss Neun nicht reparieren, solange diese Kammer mit dem Herzen verbunden ist“, sagte sie.
„Dann trenn die Verbindung“, erwiderte Morrow.
„Womit?“
Er blickte auf das Geflecht blauen Lichts, das von der Kolonie oben herabströmte.
„Mit allen Schlössern zugleich.“
Sable verstand sofort.
„Das würde die Bindungen lösen.“
„Nur für einen Augenblick.“
„Ein Augenblick reicht der Ranke, um sie alle aufzubrechen.“
„Er reicht auch, um das Mondlicht dorthin zu leiten, wo die Verderbnis es nicht verzehren kann.“
Pip sah sich in der Kammer um.
„Und wo genau wäre das?“
Morrow wandte seinen breiten Hut den toten Mondhüten zu, aus denen die Treppe bestand.
Tausende farblose Lamellen umgaben sie.
Tausende hohle Gefäße.
Tausende Erinnerungen, die Vesper Vine verzehrt zu haben glaubte.
„In die erste Kolonie.“
Sable starrte ihn an.
„Sie können nicht so viel Licht aufnehmen.“
„Einst haben sie den gesamten Hunger der Ranke gehalten.“
„Und das hat sie getötet.“
„Sie wird keine Zeit haben, sie ein zweites Mal zu töten.“
Das vergrabene Auge weitete sich.
Öffnet den Himmel.
Die schwarzen Äste oben antworteten. Vesper Vines höchster Ast wand sich um den herabsinkenden Mond; seine dünnen Zweige breiteten sich wie Risse über der Mondoberfläche aus.
Aus der Hälfte des Waldes verschwand das Mondlicht.
Orra schrie, als der Fleck ihren Hut erreichte.
Die Mondhüte um sie verstärkten ihren Griff. Blaues Licht wanderte von Stiel zu Stiel, bis die ganze Kolonie gegen die Dunkelheit brannte.
„Sag uns, was wir tun sollen“, sagte Sable.
Morrow trieb seine Wurzeln in die sich bewegende Treppe.
Sie durchbohrten den ältesten Hut unter ihm.
Erinnerungen strömten empor.
Er sah, wie die erste Kolonie sich in Vesper Vine versammelte. Er spürte ihre Angst, als sie sich um das befallene Mondbruchstück schlang. Er hörte seine Mutter singen, während die Dunkelheit ihren Hut aushöhlte.
Dann hörte er die Worte, die sie gesprochen hatte, bevor die Ranke sie verzehrte.
Was gemeinsam getragen wird, kann nicht allein verschlungen werden.
Morrow öffnete jede Lamelle unter seinem Hut.
„Sable, verbinde uns wieder mit der Kolonie.“
„Das Netz ist zerrissen.“
„Benutz mich als Brücke.“
„Es wird durch deine Wurzeln fließen.“
„Ja.“
„Es könnte jede Erinnerung aus dir herausbrennen.“
Morrow blickte auf den uralten Hut unter sich.
Er konnte sich nicht mehr an den Duft von Regen erinnern. Bald würde er vielleicht die Stimme seiner Mutter vergessen, die Namen der Mondhüte über ihnen oder den Grund, weshalb er die Ranke überhaupt betreten hatte.
Doch die Toten um ihn herum erinnerten sich.
Vielleicht war keine Erinnerung dazu bestimmt, für immer einem einzigen Wesen zu gehören.
„Tu es“, sagte er.
Sable wickelte das silberne Myzel von ihrem Stiel. Ein Ende fädelte sie durch Lumas durchtrennte Wurzeln, das andere trieb sie in Morrows.
Schmerz durchzuckte ihn.
Das Netz öffnete sich.
Er spürte jeden lebenden Mondhut an Vesper Vine.
Orra, die gegen den schwarzen Fleck ankämpfte. Zwei verängstigte Zwillinge, die sich unter der Sichel festklammerten. Den alten Brill, der den Ästen Obszönitäten entgegenmurmelte. Vierundzwanzig Schlösser, verbunden durch Angst, Pflicht und die unvernünftige Entschlossenheit, nicht zu Baumaterial zu werden.
Morrow sandte ihnen allen eine einzige Nachricht.
Wenn der nächste Herzschlag kommt, löst eure Schlösser.
Panik strömte durch das Netz zurück.
Er trieb seine Wurzeln tiefer in die tote Treppe.
Unter ihm erwachten die uralten Hüte.
In einem Satz Lamellen erschien blaues Licht.
Dann in einem weiteren.
Farbe floss die Spirale hinab, bis Tausende tote Mondhüte im Abgrund schimmerten.
Gesichter kehrten in ihnen zurück.
Ember öffnete die Augen. Thren hob seinen Hut. Noll, Vestra und Ardin traten aus Jahrhunderten grauen Schweigens hervor.
Morrows Mutter blickte von der Stufe unter ihm auf.
„Du hast dir Zeit gelassen“, sagte sie.
Er wollte antworten, doch das Herz schlug.
Wumm.
Die lebenden Mondhüte lösten ihre Schlösser.
Vierundzwanzig silberne Türen öffneten sich gleichzeitig.
Vesper Vine wand sich triumphierend.
Jede Kammer entließ ihr gespeichertes Mondlicht in Richtung des vergrabenen Bruchstücks. Ströme weißen Feuers rasten durch die Wurzeln und trugen Jahrhunderte gesammelten Glanzes der Dunkelheit entgegen.
Sable ergriff das Netz.
Sie leitete es durch Morrow um.
Die erste Welle traf seine Wurzeln.
Sein Hut entflammte kobaltblau.
Erinnerungen rissen schneller als Gedanken durch ihn hindurch. Vollmonde, Finsternisse, Winter, Geburten, Beerdigungen, Wanderungen, Gelübde, Verrat und jede stille Nacht, die Vesper Vine je erlebt hatte, strömten unter seinen Lamellen hindurch.
Seine eigenen Erinnerungen begannen sich zu zerstreuen.
Er vergaß sein Alter.
Er vergaß den Käferputsch, der in Wahrheit eine Mottenpaarung gewesen war.
Er vergaß Pips Namen.
Dann streckte die tote Kolonie sich nach ihm aus.
Tausende Wurzeln verbanden sich mit seinen.
Das Mondlicht verteilte sich unter ihnen.
Graue Hüte wurden blau. Leere Lamellen füllten sich mit Silber. Die Treppe verwandelte sich in eine leuchtende Spirale um den Abgrund, und jeder tote Mondhut trug einen Teil des Lichts, das kein einzelnes Schloss halten konnte.
Das vergrabene Bruchstück riss sein Auge weiter auf.
Nein.
Zum ersten Mal lag Angst in seiner Stimme.
Schwarze Wurzeln rissen sich vom Herzen los und peitschten nach der Treppe. Wo sie auftrafen, entließen die erwachten Mondhüte strahlende Sporenwolken. Blaues Feuer breitete sich über die Wurzeln aus und verbrannte die in sie eingewobene Verderbnis.
Vesper Vine schrie.
Der Laut erschütterte jeden Ast über der Erde.
Ihr Griff um den echten Mond lockerte sich.
Orra blickte auf, als das Licht in den Wald zurückkehrte.
„Jetzt!“, rief sie.
Die lebende Kolonie versiegelte ihre Schlösser erneut.
Vierundzwanzig silberne Türen schlugen zu.
Das Mondlicht, das noch im Herzen verblieb, konnte nirgendwohin.
Sable löste Morrow aus dem Netz und trieb jeden losen Myzelstrang in Lumas Wurzeln.
„Pip, bring sie zu Schloss Neun!“
Er schlang sich um Luma und zog sie zur leeren Vertiefung in der silbernen Tür.
„Ich kann mich nicht binden“, keuchte Luma.
„Du kannst singen.“
„Das hat noch nie jemandem geholfen.“
„Das sage ich seit Jahren, aber heute Nacht werden wir es überprüfen.“
Sie erreichten die Vertiefung.
Sable drückte Lumas beschädigte Wurzeln in das Silbergeflecht. Die Bindefäden wichen vor den schwarzen Rückständen in ihrem Stiel zurück.
„Sie nehmen sie nicht an“, sagte Sable.
Das Herz schlug gegen die Kammerwände.
Unter Pip brach eine Wurzel hervor und wickelte sich um seinen Stiel.
Er schrie, als sie ihn auf die offene schwarze Blüte zuzog.
Luma warf sich hinter ihm her. Ihre Silberfäden streckten sich von der Tür, hielten aber nicht.
„Lass ihn los!“
Die Stimme in der Ranke lachte.
Gib mir den Himmel.
„Du kannst nicht einmal einen Pilz festhalten!“, schrie Pip, während er am Boden kratzte. „Der Himmel dürfte deine Fähigkeiten übersteigen.“
Luma begann zu singen.
Zunächst zitterte ihre Stimme. Es war dieselbe Hymne, mit der die Ranke sie in die Kammer gelockt hatte, das alte Lied von der Rückkehr der Morgendämmerung nach Palebranch.
Doch nun waren die Worte ihre eigenen.
Sie sang von den Mondhüten oben, die der Dunkelheit standhielten. Sie sang von Morrow, der mehr Licht als Erinnerung trug. Sie sang von Sable, die eine zerbrochene Kolonie zusammenflickte, und von Pip, der ein uraltes Grauen beleidigte, während es ihn gerade auf seinen Mund zuzerrte.
Die erwachten Mondhüte stimmten ein.
Tausende Stimmen erhoben sich von der Treppe.
Ihr Lied wanderte durch das silberne Netz in die Senke hinauf. Orra hörte es zuerst. Dann Brill. Dann die Zwillinge unter der Sichel.
Einer nach dem anderen begann die lebende Kolonie zu singen.
Die Silberfäden nahmen Luma an.
Schloss Neun schloss sich um ihren Stiel.
Sein Licht traf die Wurzel, die Pip festhielt, und durchtrennte sie.
Er flog rückwärts, prallte von einem elfenbeinfarbenen Hut ab und landete kopfüber an der Tür.
„Ich bin nach wie vor gegen das Singen“, sagte er schwach, „erkenne aber einen begrenzten taktischen Nutzen an.“
Die erste Kammer versiegelte sich.
Die schwarze Blüte faltete sich nach innen.
Ohne das gestohlene Mondlicht als Nahrung begann Vesper Vines wahres Herz zu schrumpfen. Seine angeschwollenen Wurzeln platzten auf und warfen Jahrhunderte angesammelter Dunkelheit ab. Darunter erschien die Ranke, wie sie einst gewesen war: dünn, mit silberner Rinde und schützend um das befallene Bruchstück geschlungen.
Das blasse Auge im Bruchstück wandte sich Morrow zu.
Ihr könnt den Hunger nicht für immer einsperren.
Morrow betrachtete die Tausende erwachten Mondhüte ringsum.
„Nein“, sagte er. „Aber wir können dafür sorgen, dass es für ihn erheblich enger wird.“
Die erste Kolonie entließ ihr gesammeltes Licht.
Nicht in das Bruchstück.
Sondern hindurch.
Ein kobaltblauer Strahl durchbohrte den vergrabenen Mond und schoss durch die Ranke nach oben. Er durchquerte jede Kammer, jedes Schloss und jeden elfenbeinfarbenen Pilz, bevor er den echten Mond über Palebranch traf.
Der Mond flammte blau auf.
Einen Atemzug lang lag der gesamte Wald unter kobaltblauem Tageslicht.
Das befallene Bruchstück riss von Rand zu Rand auf.
Dunkelheit strömte daraus hervor und verschwand in dem Strahl. Das blasse Auge brach zusammen. Sein letzter Schrei wurde zu einem Flüstern und schließlich zu Stille.
Das Bruchstück wurde klar und weiß.
Von der Verderbnis befreit, erhob es sich aus dem Herzen.
Wurzeln öffneten sich darum.
Die Kugel stieg durch die Kammern auf und sammelte unterwegs jeden verbliebenen Mondstrahl ein. Als sie aus Vesper Vine hervortrat, schwebte sie wie ein kleiner, vollkommener Mond in der elfenbeinfarbenen Sichel.
Der echte Mond zog sie nach Hause.
Das Bruchstück schoss in den Himmel und verschwand in der strahlenden Oberfläche darüber.
Eine Welle silbernen Lichts rollte über Palebranch.
Wasser senkte sich in seine Teiche. Eulen kehrten auf ihre Äste zurück. Motten gewannen ihre Würde zurück und taten so, als hätten sie absichtlich aus der Luft fallen wollen.
Vesper Vine ließ den Mond los.
Ihre schwarzen Äste entspannten sich um die elfenbeinfarbene Sichel.
Weit unten hörte die Treppe auf, sich zu drehen.
Die erwachten Mondhüte wurden einer nach dem anderen dunkler. Bevor Morrows Mutter verblasste, berührte sie seine Wurzel mit einer ihrer blassen Wurzeln.
Der Duft von Regen kehrte zu ihm zurück.
Nasse Erde. Kalter Stein. Die ersten silbernen Tropfen, die seinen neuen blauen Hut trafen.
Dann war sie fort.
Die uralten Mondhüte wurden still, doch sie wurden nicht wieder grau. Ein schwaches Kobaltblau blieb unter ihren Lamellen und bewahrte die Erinnerungen, die sie gemeinsam getragen hatten.
Sable untersuchte Morrow.
„Weißt du, wer du bist?“
Er überlegte sorgfältig.
„Morrow.“
„Weißt du, wer ich bin?“
„Sable.“
Pip richtete sich an der silbernen Tür auf.
„Und ich?“
Morrow betrachtete ihn.
„Ein hartnäckiges Ärgernis mit Hut.“
Pip strahlte auf.
„Er erinnert sich.“
Gemeinsam kletterten sie aus der Ranke.
Luma blieb an Schloss Neun gebunden, war darin aber nicht mehr allein. Das silberne Netz verband sie mit jedem Mondhut der Kolonie. Als sich das Wurzeltor öffnete, begrüßten sie vierundzwanzig Stimmen zugleich, mehrere redeten durcheinander, und eine verlangte zu wissen, ob sie beabsichtige, das Singen wieder aufzunehmen.
Die elfenbeinfarbene Sichel hatte sich verändert.
Ihr Inneres enthielt keine leere Dunkelheit mehr. Dort schwebte ein sanftes kobaltblaues Leuchten, geformt von dem Licht, das zwischen den lebenden Schlössern und der uralten Kolonie unter der Rinde wanderte.
Vesper Vine lebte noch.
Sie würde immer Hunger in ihren Wurzeln tragen, so wie jedes Wesen eine gewisse Dunkelheit in sich trug. Doch die Ranke trug diesen Hunger nicht mehr allein und verwechselte Besitz nicht länger mit Hingabe.
Wenn Mondlicht ihre Äste berührte, neigten sie sich dem Himmel zu, ohne nach ihm zu greifen.
Die elfenbeinfarbenen Pilze sammelten weiterhin kleine Mengen silbernen Lichts. Die kobaltblauen Mondhüte bewachten weiterhin die Kammern. Pip beanstandete weiterhin nahezu jeden Aspekt der Vereinbarung, besonders das Singen, die Gefahr und die mangelnde Anerkennung für seinen heldenhaften Widerstand dagegen, gefressen zu werden.
Morrow erzählte der Kolonie endlich die gesamte Geschichte von Vesper Vine.
Er ließ nichts aus.
Nicht das vergrabene Bruchstück. Nicht die ersten Schlösser. Nicht die Treppe aus ihren Körpern. Nicht die Jahrhunderte, in denen er gehofft hatte, Schweigen könne eine schreckliche Wahrheit in eine harmlose verwandeln.
Die jüngsten Mondhüte hörten bis zum Sonnenaufgang zu.
Dann begannen sie, die Namen der ersten Kolonie in die elfenbeinfarbenen Konsolen zu ritzen.
Später behaupteten Besucher, das kobaltblaue Leuchten in der Sichel sei ein zweiter Mond, unter dem Wald geboren und für immer in Vesper Vine verstrickt. Andere sagten, es sei bloß Licht, das durch blaue Sporen fiel.
Die Mondhüte widersprachen ihnen nicht.
Sie wussten, dass das Leuchten weder Mond noch Magie war.
Es war Erinnerung, so weit geteilt, dass keine Dunkelheit sie ganz verschlingen konnte.
Und wann immer ein neuer kobaltblauer Hut an der schwarzen Ranke hervorkam, sah er zuerst die elfenbeinfarbene Sichel über sich leuchten.
Als Erstes hörte er Lumas Gesang.
Als Zweites Pip, der sie bat aufzuhören.
Hol dir die Mondhüte nach Hause
Die Dunkelheit unter Vesper Vine ist versiegelt, doch ihr kobaltblaues Leuchten findet noch immer seinen Weg in die Welt. Hol dir The Cobalt Mooncaps of Vesper Vine als leuchtenden Leinwanddruck, eleganten gerahmten Kunstdruck oder strahlenden Metalldruck nach Hause. Die filigrane Pilzsichel wird außerdem als Puzzle zu einer wunderbar verzwickten Herausforderung, während die Grußkarte ein kleineres Stück mondbeschienenen Palebranch zum Teilen bereithält. Entdecke diese und weitere Ausführungen auf shop.unfocussed.com.


Sir Grumblethorn and the Mushroom That Disagreed
The Wink That Got Away With Everything
The Dewdrop He Swore He Could Handle